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Finsterworld (Film)

Sonne durchflutet das Bild, Vogelgezwitscher erfüllt den Wald: Wir sehen einen Einsiedler, einen Waldgänger im jüngerschen Sinne, irgendwo in Deutschland, wie er bedächtigen Schrittes durch das Unterholz stapft und sich dann eines Rabens annimmt, um den er sich fortan kümmert. Schnitt: Ein Fußpfleger wird auf der Autobahn aufgehalten, kann aber den Polizisten mit Pflegeprodukten bestechen. …

Review Overview

Gesamteindruck

Ausgezeichnet!

Summary : Familie Kracht in Höchstform - wer einen tiefgründigen, politisch unkorrekten Heimatfilm sehen will, der geht in den Film Finsterworld!

Benutzerwertung: 2.49 ( 4 Wertungen)
90

Sonne durchflutet das Bild, Vogelgezwitscher erfüllt den Wald: Wir sehen einen Einsiedler, einen Waldgänger im jüngerschen Sinne, irgendwo in Deutschland, wie er bedächtigen Schrittes durch das Unterholz stapft und sich dann eines Rabens annimmt, um den er sich fortan kümmert.

Schnitt: Ein Fußpfleger wird auf der Autobahn aufgehalten, kann aber den Polizisten mit Pflegeprodukten bestechen. Schnitt: Zwei Jugendliche in Schuluniform auf dem Weg zum Ausflug des Leistungskurses Geschichte – der obligatorische KZ-Besuch steht auf dem Programm.

“Na, ihr Spasmos! Ready for the KZ-Besuch?“

schallt es ihnen mit ironischem Unterton entgegen. Wieder ein Schnitt: Zwei Deutsche mittleren Alters sitzen gelangweilt in einer Luxussuite. Nach Paris soll es gehen. Aber der Flieger fällt aus – ein Leihwagen muss her. „Bitte kein Naziauto, also kein Mercedes oder BMW“ ruft die Frau mittleren Alters im Bademantel durch den Hörer. Nein, wir befinden uns nicht bei Kalkofe’s Mattscheibe, sondern im neuesten Film von Frauke FINSTERWALDER, Gattin des deutschen, im schweizer Exil lebenden, Skandalautors Christian KRACHT: Finsterworld. „Türsteher rechten Gedankenguts“, Wegbreiter „antimodernens, demokratiefeindlichens und totalitären Denkens“ – wer die Debatte um Christian KRACHTs jüngsten Roman „Imperium“ verfolgte, kam um diese Beschreibungen nicht umhin. Umso mehr war ich am Film Finsterworld interessiert – und ob er nicht auch für uns Identitäre im Allgemeinen ob seiner Aussagen von Interesse ist.

Familie Sandberg: Eine Suche nach Identität…

Während die Handlungsstränge auf den ersten Blick voneinander losgelöst wirken, verweben sie sich im Laufe der Geschichte immer stärker miteinander. So ist etwa der Fußpfleger Claude die einzige Kontaktperson der greisen Frau Sandberg, die von ihrer Familie im Stich gelassen wird, ein antideutsches Ehepaar hingegen, darunter der Sohn von Frau Sandberg, liest einen Schüler auf, der sich auf der ersten Raststätte abgesetzt hat. Ein schicksalschweres Ereignis, insbesondere für den Tramper wider Willen. Genau in diesen Momenten offenbart der Film seine großen Stärken: Während die Handlung durch den gekonnten Lichteinsatz fast schon in ein postmodernes Märchen verwandelt wird, taucht man als Zuschauer in die Abgründe und Lichtmomente einer ganzen Gesellschaft ein: Etwa wenn die ganze Autofahrt über zwischen dem antideutschen Ehepaar und dem Schüler darüber sinniert wird, warum dieses „Scheißdeutschland“ nur so hässlich ist und die Antwort darin gefunden wird, dass es deswegen so scheußlich ist, weil im Dritten Reich ästhetisch (also jenseits der Verbrechen und dem Krieg) alles so schön gewesen sei. Letztlich wird der negative Mythos der Deutschen darin zusammengefasst, dass es

„(…)heute in Deutschland nichts gibt, mit dem man sich identifizieren kann.“ außer „Punkt, Punkt, Komma, Strich, Oberlippenbärtchen.“

Wer sich als Deutscher mit etwas identitifizieren will, kann sich nur mit dem internationalisierten Negativmythos von Holocaust und Nationalsozialismus identifizieren – nicht aber mit einer positiven Bezugnahme auf die eigene Geschichte. Dieser massiven Identitätsstörung der deutschen (und mit Abstrichen: österreichischen) „vaterlosen Gesellschaft“ geht Finsterworld auf den Grund – ohne eine Antwort darauf zu geben. Oder wenn der Pfleger Claude Frau Sandberg mit dem Rollstuhl durch den Park des Altersheimes führt und dabei mit ihr über das Lied „Ein Vogel wollte Hochzeit machen“ redet, und warum dieses „Fidirallala“ denn einerseits so schrecklich ist, aber einfach nicht damit aufhören kann, es zu singen.

Allen Charakteren gemein (mit Ausnahme des Waldgängers) ist dabei die Tatsache, dass sie kein normales, entspanntes Verhältnis zu ihrer Identität haben. Entweder ist jenes vom Selbsthass und der Politik der Schuld dominiert (Antideutsches Ehepaar) oder von einem jugendlichen, unkontrollierten Aufbegehren, welches im chauvinismusgetränkten Paranazismus mündet (die beiden Schüler, von welchen das einführende Zitat stammt). Einen identitären Mittelweg, welcher weder in einer Politik der Schuld, noch in einer Politik des Überlegenheitsstrebens mündet, haben weder die Figuren in Finsterworld, noch in der eigentlichen deutschen Gesellschaft (auf welche der Film eine Parabel darstellt), gefunden.

… und Liebe

Weiters begleitet der Film einige seiner Hauptfiguren auf der Suche nach der Liebe. Auf der einen Seite handelt es sich um den Polizisten Tom, der von seiner Freundin, einer total ichversauten (Jonathan MEESE) Dokumentarfilmerin, emotional und sexuell  vernachlässigt wird und deswegen das was er von ihr nicht bekommt, in einem riesigen Eisbärenkostüm auf Furrypartys sucht. Auf der anderen Seite verfolgt der Film die Beziehung zwischen dem Fußpfleger Claude und Frau Sandberg, dessen (heimliche) Liebe zur greisen Dame sogar soweit geht, dass er ihre Hornhaut in jene Kekse verbäckt, die er selbst isst und ihr schenkt.

Letztlich sind die Rollen entweder von einer ständigen Suche nach Liebe getrieben, welche ihnen in ihrer Konstellation zu Beginn des Films nicht gegeben wird, zum Lieben selbst aufgrund ihrer totalen Ichbezogenheit nicht fähig sind oder enden im Zuge ihrer nichteingestandenen/verschmähten Liebe in der Tragödie. Ein Aspekt, welcher den Film FINSTERWALDERS/KRACHTs nicht dominiert, aber dennoch auf die gefühlsmäßige Armut im Liberalkapitalismus des Westens verweist. Dennoch gelingt es dem Film, diese Thematik anzusprechen, ohne in die drastische Darstellung Michelle Houllebecqs zu verfallen (womit nicht das Werk dieses Schrifttstellers geschmälert/für schlecht befunden werden soll – schließlich ist es genial, wenn auch auf eine andere Art und Weise als jenes von Kracht.)

„Wie man unverschuldet schuldig werden kann“ (Christian Kracht)

Darüber hinaus geht KRACHT auch der Frage nach, wie man im Laufe sich überschlagender Ereignisse unschuldig schuldig werden kann, wie einzelne Affekthandlungen das eigene Schicksal determinieren. Eine Frage, die letztlich durch den Strudel der Ereignisse im Rahmen einer Autofahrt und eines KZ-Besuches beantwortet wird. Nachher ist nichts mehr so wie es war. Alles in allem ist Finterworld eine geniale Parabel auf die deutsche Gesellschaft des beginnenden 21. Jahrhunderts.

All jenen, die sich nach einem wahrhaft identitären Film aus dem deutschsprachigen Raum und Europa sehnen, sei Finsterworld ans Herz gelegt! Dem Ehepaar Finsterwalder/Kracht kann man nur wünschen, dass sie in Zukunft weiterhin so geniale Filme drehen!

Trailer:

Über Alexander Markovics

Alexander Markovics
Geboren 1991, BA Geschichte, studiert in Wien den Masterstudiengang Geschichte sowie die Autoren Alain de Benoist und Alexander Dugin. Mitglied der IBÖ - Landesgruppe Wien.

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