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Avatar ist identitär

Nach längerer Pause setze ich mit diesem Artikel meine Serie über identitäre Tendenzen in der Popkultur fort. Zur kleinen Auffrischung möchte ich kurz die Intention dieser Artikelreihe wiederholen. Nach einer Analyse des „Smarties-Dogmas“, mit dem ich den Versuch der Medien, die Massen auf Egalitarismus, Multikulti und Internationalismus zu trimmen und sie so auf die globale Konsumgesellschaft vorzubereiten, betitelt habe, musste ich auch positive Strömungen anerkennen.

Verstreut in Kinofilmen, Serien, Büchern, PC-Spielen und Comics gibt es Figuren, Plots und Aussagen, die bewusst oder unbewusst mit dem Smarties-Dogma-Mainstream brechen und in unsere Fahrwasser leiten. Aufgabe identitärer Kräfte ist es nach wie vor, an diesen Stellen an den Massengeschmack „anzudocken“ und ihn aus der seichten, apolitischen Mainstream-Bucht ins offene Meer der Metapolitik zu ziehen. Eine identitäre Gruppe in Wien hat hier im deutschen Sprachraum einmal erste Zeichen gesetzt, die durchaus nachgeahmt werden dürfen:

 

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Avatar sind identitär

Immer wenn ich in dem Zusammenhang das Stichwort „Avatar“ anspreche, wirkt das für den Gesprächspartner entlarvend. Ist er ein typischer Normalo-XBox-Hollywood-Kinogänger fällt ihm als erstes der Film „Avatar – Aufbruch nach Pandora“ ein. Nur den etwas „distinguierteren“, nerdigen Typen kommt vorher Aang, die Hauptfigur der Kinder-Animeserie „Avatar“, in den Sinn.
Für das Thema ist es egal – beide sind identitär wie nur etwas. Heute will ich mich aber auf den erstgenannten Actionfilm beschränken.

southpark

 

Aufstand der Kulturen im Weltall?

Im besagten Hollywood-Kracher, an dem schon aufgrund seiner maßstabsetzenden Spezialeffekte keiner vorbeikam, liegt es auf der Hand. Ein Planet wird von einem kapitalistischen Trust, der wie eine Inkarnation des „military-industrial complex“ wirkt, für seine wertvollen Ressourcen ausgepresst. Der zigarrenschmauchende, kriegsgeschädigte General und der aalglatte, rein gewinnorientierte CEO, klischeehaft dargestellt, verbünden sich hier gegen die „Na’avi“, das eingeborene, katzenartige Alienvolk, das stark an die Indianer Nordamerikas erinnert.

Der Held des Films bekommt dank moderner Technologie einen Na’aviKörper verpasst und soll als Spion die Indigenen unterwandern. Aber er verliebt sich in die Häuptlingstocher und alles kommt anders als geplant. Pocchahontas im Scifi-Style quasi.  Mit der ökologischen, antikapitalistischen und antiimperialistischen Botschaft scheint der Film im medialen Mainstream mitzuschwimmen. Ein Teil dieser Botschaft ist allerdings klar identitär und hier besser vertreten als im besagten Indianerschinken (in dem einige amerikanische Kritiker den ersten Schwenk des Unternehmens Walt Disney in Richtung Smarties-Dogma zu erkennen meinen).

In diesem Film geht es klar um den Kampf einer ethnokulturellen Gemeinschaft für den Erhalt ihres Heimatbodes, ihrer Sitten und Tradition, gegen eine fremde Masseneinwanderung, die all das radikal „verändern“ würde. Die Lüge der Multikultis, jede Veränderung wäre eine „Chance“, und wer hier „ängstlich“ sei, würde sich als geistiger Krüppel und hoffnungslos Ewiggestriger entlarven, wird hier ihrerseits selbst entlarvt. Es gibt solche und solche Veränderungen, aber die Masseneinwanderung Fremder nach Pandora, samt der Überfremdung und Bedrohung, die sie für die Einheimischen darstellen, ist definitiv keine positive Veränderung. Sie ist ein Angriff auf die ethnokulturelle Identität der Na’avi.

Der Plot des Filmes dreht sich genau darum, dass dieses Volk diesen Angriff als solchen erkennt, nebensächliche Streitigkeiten beiseite lässt, sich vereint gegen den Feind zur Wehr setzt und dabei neue adäquate Strategien entwickelt. Es geht also darum, dass eine ethnokulturellle Gemeinschaft, angesichts ihrer Abschaffung ein revolutionäres Bewusstsein entwickelt, die entscheidende Frontlinie erkennt und ihre ganze Kraft gegen das Schwerezentrum des gemeinsamen Feindes wirft. Damit ist in einem Satz die Aufgabe einer Identitären Bewegung in Europa umrissen. Die Reconquista der Na’avi, die am Ende des Filmes nach der ersten Entscheidungsschlacht verkündet wird, lässt sich genauso auf unseren Kontinent übertragen. Das ist eine identitäre Botschaft reinsten Wassers. Warum aber, so darf man fragen, wird das so wenigen bewusst, und warum ist so etwas im medialen Mainstream überhaupt möglich?

Der Ethnomasochismus – oder Bedrohte  sind immer  nur die anderen

Der Grund, warum beim Normalo-Kinogänger nach diesem Film keine Reconquistastimmung aufkommt und der Feuilleton-Kinokritiker beim Sehen dieses Films nicht sofort die Nazi-Keule zückt und die Gegen-Rechts-Feder spitzt (nur wenige Neocons sahen hier Anklänge eines „Blut und Boden“-Verschnitts im All), ist ein wenig komplexer.  Er reicht tief ins bundesbürgerliche, liberale Bewusstsein hinein und legt das orwellsche „Zwiedenken“ der herrschenden Ideologie frei.

Jeder kennt das: Wenn am Amazonas ein Indianerstamm sein Reservat durch ein Wasserkraftwerk verlieren könnte (Avatar ist diesem Bild klar nachempfunden), gehen die sentimentalen Multikultis auf die Barrikaden. Sie laufen sich, Unterschriftenlisten in der Hand, die Füße wund und sitzen sich zu Kumbaya-Klängen bei Blockaden die schwabbeligen Ärsche platt. (Man möge meinen Ton entschuldigen, aber seit Pirinçci ist ja Fluchen in unseren Kreisen en vouge geworden und ich will mich diesem Trend – mit Verlaub – nicht versperren, verdammt noch mal!)

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Wenn es um Tibet, Palästina, um Kurden und bedrohte Tierarten und Urwälder geht, weiß der politisch korrekte Bunzelbürger sofort, auf welche Seite er sich schlagen muss. Wenn es allerdings um die Frage geht, ob wir „Eingeborene“ Europas auch ein Recht auf den Erhalt unserer ethnokulturellen Gemeinschaft und auf unsere besondere Beziehung zur Heimat haben, schlägt man sich konsequent auf die andere Seite: Man ergreift Partei für die Einwanderer und Invasoren, obwohl man ohne weiteres behirnen könnte, dass das Phänomen „globaler Kapitalismus“, der am Amazonas Indianerstämme bedroht, genauso hinter den Migrationsschüben in das europäische Herzland steckt.

Der Grund für dieses seltsame Zwiedenken ist, dass die Parteinahme der europäischen Multikultis für bedrohte indigene Völker nicht primär der Wunsch ist, die ethnokulturelle Vielfalt zu erhalten. Sie sind KEINE Ethnopluralisten. Der Hauptgrund dafür ist ihr antrainierter Schuldkomplex, der automatisch immer die Partei der anderen ergreifen muss. Der Fremde, bevorzugt Nichtweiße, bevorzugt Nichtmännliche, bevorzugt Nichtheterosexuelle, ist immer im Recht – egal ob er in der passiven Rolle als bedrängtes Opfer oder in der aktiven Rolle als fordernder Eroberer auftritt.
Einmal gilt es ihn zu retten, das andere Mal gilt es, ihn aufopferungsvoll zu ertragen, um die „Sünden“ zu büßen, die man an ihm begangen hat.

Wenn ein und dasselbe Feuilleton sich für die Heimat- und Identitätsrechte fremder Ureinwohner einsetzt, in Europa aber z.B. die Gewalt ausländischer Jugendbanden und die Masseneinwanderung als berechtigte Rache gedemütigter Kolonialvölker sieht, ist das kein Widerspruch. Wenn die „Gesellschaft für bedrohte Völker“ in ihrer Grundsatzerklärung schreibt, sie setzte sich für „bedrohte ethnische und religiöse Minderheiten, Nationalitäten und Ureinwohnergemeinschaften“ gegen „kulturelle Auslöschung“ und Ethnozid ein1, und gleichzeitig kein Sterbenswort darüber verliert, dass die europäischen Ureinwohner einem kollektiven Ethnozid entgegensteuern, ist das ebenso kein Widerspruch.

Es geht diesen völkisch-romantischen Multikultis nämlich nur sekundär um die Erhaltung gewachsener, ethnokultureller Gemeinschaften. Primär werden sie von einem selbstzerstörerischen Ethnomasochismus angetrieben, der nur einen Grundsatz kennt: immer und überall für das Fremde und gegen das Eigene. Dass das Motto dieser Gesellschaft „Auf keinem Auge blind“ lautet, ist so irre komisch, dass man sich trotz aller Tragik das Grinsen nicht verkneifen kann.

Rousseaus Erben

Sie stehen damit in der Tradition Rousseaus, dessen Thesen über ein „Zurück zur Natur“ und über den „edlen Wilden“ den Beginn der europäischen Zivilisationsmüdigkeit markieren. Rousseaus „Émile“ liest sich stellenweise wie eine radikale Kritik der Aufklärung und ihrer Fortschrittsideologie. Tatsächlich ist es nur ihre Umstülpung.

Nicht mehr ist der westlich-weiße Mann die Spitze eines globalen Menschheitsaufstiegs zur rationalistischen Welteinheitszivilisation. Er ist im Gegenteil das unterste Ende der moralischen Nahrungskette, das durch und durch verpfuschte Endprodukte einer Verfallsgeschichte, die ein Zurück zur „heilen, ursprünlichen Welt“ braucht, die der fremde Ureinwohner darstellt. Dieser radikale Gegenextremismus zur Aufklärung hat teils sympathische Züge, in seiner Gesamtheit ist er allerdings abzulehnen. Ihm fehlt das Gespür für die Differenzierung zwischen Hochkultur und künstlicher Zivilisation. Er ist kein echter Ethnopluralismus, sondern macht die Europäer wieder zum abstrakten, ideologisch gefassten Zentrum eines globalen Universalismus. Nur stellen sie hier nicht die absolute Spitze, sondern den absoluten Bodensatz dar. Er will keine Gleichwertigkeit der Völker, sondern eine Abwertung des Eigenen und eine Aufwertung des Fremden. Es ist ein umgekehrter Chauvinismus und Auto-Rassismus.

Mit dem Untergang aller universalistischen Metaerzählungen von der überlegenen Religion, Rasse und Zivilisation, den man mit 1945 datieren kann, brach in Europa der Rousseauismus in Form der Postmoderne voll durch. Der Glaube an irgendwelche zivilisatorische Missionen und aufklärerische Überlegenheit war gründlich verloren gegangen. Der „Gott des Fortschritts“ war gestorben. Mit einem Mal wurden die Taten, die in den letzten Jahrhunderten in seinem Namen begangen wurden, kollektiv bewusst und eine Welle von Schuld und Scham brach über ganz Europa herein. Man identifizierte sich von nun an nicht mehr mit dem auserwählten Heros eines fortschrittlichen Weltgeistes, sondern mit dem blutbefleckten Monstrum einer kolonialen Kriminalgeschichte. Aus diesem Denken sprießt der Ethnomasochismus, also die lustvolle Abwertung, Tabuisierung und Vernichtung der eigenen ethnokulturellen Identität und Gemeinschaft. (Ein jüngster, besonders krasser Ausdruck davon findet sich hier.)

Dieser Ethnomasochismus nimmt andere Völker nicht als gleichwertige und eigenständige Gemeinschaften in einem weltweiten Pluralismus wahr. Er sieht sie als schutzbefohlene, hilfsbedürftige Kümmerlinge, die er „vor sich selbst“, also vor dem bösen westlichen Kapitalismus, schützen muss. Die medialen Bilder, die von Fremden gezeigt werden, die Rollen, die sie in unseren Filmen einnehmen, sind immer die der rehäugigen, hilflosen Opfer, der weisen, erduldenden Märtyrer. Der rousseauistische Ethnomasochismus hat nicht mit dem Universalismus gebrochen – er hat ihn nur umgestülpt. Er hat das kolonialistische „white mans burden“ nicht abgeworfen, sondern sich noch tiefer unter seine Knute geduckt und dabei nur den chauvinistischen Bonus aufgegeben.

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Ethomasochismus in Avatar

Auch im Film Avatar bricht dieser Paternalismus und Ethnomasochismus durch. Denn um sich erfolgreich gegen die Invasion der Menschen zu wehren, die in ihren negativen Rollen durchwegs als männlich-weiß-heterosexuelle Bösmeschen dargestellt werden, braucht es einen „Speziesverräter“, also einen Menschen, der ihnen zeigt, wo’s langgeht. Wieder wird also der Westler selbst zum Zentrum der Geschichte. Er büßt seine eigene kollektive Schuld, indem er die Sache der Anderen zur eigenen macht. Dabei muss er seine eigene Identität völlig aufgeben, wie der Held im Film.

Und tatächlich geht eine neoprimitive Sehnsucht ganzer Heerscharen in Europa in diese Richtung. Die Möchtegernschwarzen, die  Hippie-Bewegung, die sinnsuchenden Buddhisten und Indientramper, die Rastakiffer, die Proleten-Winnetous, die Tribal-Tattoo-Goa-Twisterpiercing-Fraktion: Sie alle sehnen sich doch nach nichts anderem, als danach, die verhasste Zivilisation mitsamt ihrer weißen Haut abzustreifen und, wie Jake Sully mit Fleisch und Blut, Teil der begehrten „kulturellen Minderheit“ zu werden. Wie deutsche Antideutsche, die Hebräisch büffeln und Kletzmer hören, wie Antiimperialisten, die nur mit Palituch und Che-Shirt außer Haus gehen: Sie alle sehnen sich nach einer ethnokulturellen Identität, die sie ins Lager der „Guten“, also „unserer Opfer“ stellt. Die rassistisch-chauvinistische Ablehnung fremder Völker als „primitiv“ schlägt hier in ihr Gegenteil, in einen „irren Kult“ um das Fremde, Andersartige und Exotische um, wie ihn Akif Pirinçci luzide erkannte. Mit Tarantinos „Machete“ hat dieser Trend in cineastischer Hinsicht einen Höhepunkt erreicht.

Aus diesem Lager kommt keine echte Kritik an der Ideologie des Universalismus, also Fortschritts-, Gleichheits- und Menschheitswahn. Man will nach wie vor die „eine heile Welt“, die totale Gleichheit und die „freie Assoziation der Individuen“; ist gegen Grenzen und schwelgt in einem One-World-Pazifismus. Dass der globale Kapitalismus mit seiner planetaren Gleichschaltung nach dem Schema des westlichen Bürgers, samt Eigentumsrecht, Bildungsrecht, Grundrechten und Reisefreiheit, genau diese ideologischen Prämissen bisher am besten verwirklicht, wird ausgeblendet. Ebenso, dass in den verehrten indigenen Gemeinschaften kein individualistischer, gendergerechter Urkommunismus, sondern hierarchische, polare und identitäre Traditionen herrschen.

Was Avatar ausblendet

All das wird in „Aufbruch nach Pandora“ konsequent umschifft. Kaum kommt eine mögliche politisch-korrekte Rechtfertigung der planetaren Ausbeutung vor, an der man die Heuchelei der Menschenrechte und die Globalisierung an sich kritisieren könnte. Der kapitalistische Trust ist „einfach böse“ – punkt (weil männlich-weiß-heterosexuell ist hier die implizite Botschaft die unausgesprochen bleibt, weil die Bildsprache mittlerweile perfekt verinnerlicht ist).

In keinem Punkt wird angesprochen, wie die Stammesgemeinschaft der Na’avi mit ihren klaren geschlechtlichen und gesellschaftlichen Rollen einem westlich-liberalen Konsumkollektiv widersprechen muss. Der Hauptunterschied der ethnokulturell Indigenen zu „uns“ bleibt, wie auch im medialen Mainstream, ihre „Verbundenheit mit der Natur“, die hier im (ironischerweise klar technisch-materialistisch geprägten) Bio-Synapsennetzwerk superplump dargestellt wird.

Dass jede Verbundenheit mit der Natur, jede echte gewachsene Gemeinschaft aber immer und ausnahmslos eine ethnische Exklusivität, also eine Abgrenzung nach außen, polare, differenzierte Geschlechterverhältnisse, politische Hierarchien und einen lebendigen religiösen Mythos aufweist – kurz: so ganz und gar nicht „emanzipiert“ und „aufgeklärt“ ist, wird in Avatar komplett unterschlagen. Dafür spielt der Film virtuos auf der Klaviatur des westlichen Ethnomasochismus. Dennoch bleibt er, wie weiter oben beschrieben, eine perfekte Andockstelle für identitäre Kaperfahrten gegen den popkulturellen Mainstream.

Insofern ist „Aufbruch nach Pandora“ also ein klassischer „metapolitischer Schläfer“, der erst von Identitären aufgeweckt und politisiert werden muss, um ihn im Multikulti-Mainstream gegen diesen zu verwenden. Ich hoffe also, dass in verschiedensten identitären Botschaften in Zukunft Anspielungen auf diesen Film auftauchen werden. Hier liegt nämlich eine wichtige und zentrale Frage: Wenn es uns gelänge, den rousseauistischen Ethnomasochismus auf seine eigene, verleugnete Sehnsucht nach ethnokultureller Identität und Zugehörigkeit zu einer traditionalen echten Gemeinschaft zu verweisen, wäre ein Umschlage ins identitäre Lager jederzeit möglich. Die versammelte Kelten-Kraftort-Runen-Esoterik geht schon längst  in diese Richtung und versucht die eigenen, verschütteten Wurzeln jenseits von Universalismus und Chauvinismus neu zu entdecken.

Nichts anderes als diese Suche stand am Beginn der Romantik, deren Anti-Universalismus und Anti-Rationalismus die wahre Geburtsstunde der Revolte gegen die Moderne Welt war und ist.

Über Martin Sellner

Martin Sellner
Studiert in Wien Rechtswissenschaften und Philosophie. Leiter der IBÖ Landesgruppe Wien.

8 Kommentare

  1. Den Artikel als Ganzes empfinde ich als hervorragend und sehr interessant. Aus dieser Sicht habe ich den Film bisher nicht betrachtet, auch wenn mir sehrwohl die plumpe dämonisierung des „westlich wirkenden Menschen“ auffiel.

    Leider ist der Artikel an manchen Stellen jedoch unnötig verallgemeinernd und intollerant auf eine Weise, die ich mir bei einer rationalen Bewegung wie den Identitären eigentlich nicht wünsche, wo sie doch bisher so vielversprechend wirkt.

    „Und tatächlich geht eine neoprimitive Sehnsucht ganzer Heerscharen in Europa in diese Richtung. Die Möchtegernschwarzen, die Hippie-Bewegung, die sinnsuchenden Buddhisten und Indientramper, die Rastakiffer, die Proleten-Winnetous, die Tribal-Tattoo-Goa-Twisterpiercing-Fraktion: Sie alle sehnen sich doch nach nichts anderem, als danach, die verhasste Zivilisation mitsamt ihrer weißen Haut abzustreifen und, wie Jake Sully mit Fleisch und Blut, Teil der begehrten „kulturellen Minderheit“ zu werden.“

    Woher weiß der Autor, was in den Köpfen jener vorgeht die in genannten Szenen unterwegs sind? Wieso kann zum Beispiel ein Hippie nicht genau so identitär sein? Widerspricht sich das zwingend? Oder ist es vielmehr so, dass die Linkslinke viele dieser Bewegungen schlicht für sich beansprucht hat, diese Bewegungen für sich jedoch keineswegs eine politische Richtung verfolgen? Muss ein Kiffer zwingend ein in Selbstschuld gesuhlter Gutmensch sein? Ist ein Buddhist einer politischen Richtung zuzuordnen? Kann jemand, der gerne Goa-Musik hört und solche Veranstaltungen besucht kein Patriot sein?

    Ich fürchte, hier wurde rhetorisch über die Stränge geschlagen und hoffe dem liegt keine tiefergehende Überzeugung zu Grunde. Ich fänds echt schade, wenn unpolitische Gruppierungen den Anstrich eines politischen Gegners verpasst bekommen, nur weil dort tendentiell viele linkslinke Menschen und Multikulti-Unterstützer unterwegs sind. Da muss man, sollte man, ein wenig differenzieren und Fairness walten lassen.

    Ich wünsche der Identitären Bewegung weiterhin viel Erfolg, bedanke mich für lesenswerte Artikel wie diesen und wäre um einen Kommentar zu meiner Anmerkung sehr froh.

    mit freundlichen Grüßen,
    B

    • Martin Sellner
      Martin Sellner

      Danke für den freundlichen Kommentar :)

      Klar ist das zugespitzt formuliert aber ich werfe auch nicht dem einzelnen Hippie vor seine Heimat zu hassen.
      Mir geht es um diese Trends die ich insgesamt peinlich finde. Insgesamt sehe ich diese Strömungen, auch wenn das natürlich nicht all ihre Anhängern voll betrifft, als Ausprägungen eines kulturellen Selbstverlusts Europas. Ich ordne sie damit gar nicht einer bestimmten politischen Strömung zu. Ich Versuche Symptome der Zeit und der Gesellschaft aufzuzeigen, die uns alle betreffen.
      Peinlich finde ich vor allem, dass die eigenen Traditionen, die Trachten, die Musik, die Sagen und die Religion als „gestrig“ und „komisch“ gelten, während man sich auf eine Art und Weise fremde Esoterik und Folklore aneignet, die nur mehr lächerlich ist.
      Dieser „Eso“Tourismus hat ganze indigene Kulturregionen zerstört.

      • Danke für die Rückmeldung. Ich bin inzwischen für „frechere“ Bemerkungen, grade in politischen Texten wohl etwas.. sensibel? geworden, wies scheint. Selbst zu oft in Schubladen gesteckt worden, als dass mans gerne von anderen liest.

        So geschildert kann ich das Argument nun gut nachvollziehen. Was von wo anders kommt ist meistens „gut“ und „interessant“ und „faszinierend“, das Eigene eher Albern. Da ertapp ich mich auch selbst des öfteren, weil sich fremdes „leichter“ genießen lässt, da gibts „nichts zu befürchten“. Wir kennen ja das unerfreuliche Rückmeldungsergebnis, wenn man die eigene Kultur zelebriert.

        Andererseits gibt es wirklich Dinge die mir auch nach reiflicher Überlegung an unserer Kultur nicht gefallen (die ich aber trotzdem als Erhaltenswert erachte), die ich in anderen Kulturen deutlich besser finde. Als Beispiel unsere klassische Volksmusik, die ich als ohrenzerstörendes Gräuel empfinde, wo es wiederum Volksmusik aus anderen Kulturen gibt die rein musikalisch gesehen der unseren teils deutlich überlegen ist, zumindest meiner Meinung nach. Und so zähle ich mich teilweise auch zu denen, die Unterhaltung und Freude in anderen Kulturen finden… nur unterscheidet sich das warum. Für mich ein Mehrwert, zusätzlich zum Eigenen, für andere ein blanker Notersatz STATT dem Eigenen. Und letzteres ist das von dir angesprochene Problem, wenn ich das richtig verstanden habe. Bitte um Korrektur, sollte ich mich irren.

        • Martin Sellner

          Erstmal: tut mir leid, dass meine Antwort derart spät kommt. Das ist eigentlich eine Frechheit- ich weiß. Zum Thema: Ich kann der Ansicht unsere Volksmusik wäre “ ohrenzerstörendes Gräuel“ nicht zustimmen. Ich selbst liebe z.B. auch die irische Musik, ich interessiere mich für indische Musik, indianische Musik, baskische Musik, etc.
          Aber in unserer Musiktradition gibt es ja sowohl Hochkultur als auch volkstümliche Elemente. Ich zähle also auch Barock, Klassik und Romantik dazu, bei Schubert und Mozarts opera buffa fällt die Trennung sogar schwer.
          Auch im rein volkstümlichen gibt es mAn eine große Bandbreite die von Kärntner Chören über Hamburger „SeaShanties“ bishin zum Wienerlied reicht. Heute sehe ich z.B. den Neofolk (Bekannt? 😉 )
          als wesentlich authentischeren Vertreter einer „Volksmusik“ als den Trash der unter diesem Logo firmiert.

          Abgesehen davon sehe ich aber die Faszination für das Fremde und Exotische, der ich auch regelmäßig verfalle, nicht als etwas Negatives. Ich meinte damit wie du es großartig auf den Punkt bringst, die neurotische Fixierung auf das Fremde und den peinlichen Versuch es vollkommen zu annektieren, dh selbst zum „Indianer“ „Rasta“ „Hindu“ zu werden, was von Angehörigen dieser Traditionen großteils auch mit einer Mischung aus Mitleid, Amusement und Ablehnung wahrgenommen wird.

          • Die Verzögerung macht nichts, wir haben ja alle auch andere Dinge um die Ohren als Kommentarpostings. :)

            Scheint, als wären wir uns gut einig. Mir kommt fast vor, je mehr ich hier Fragen stelle, desto mehr fühl ich mich hier richtig.

            Wenns um unsere Volksmusik geht… da muss ich mich wohl für die falsche Definition entschuldigen mit der ich dieses Wort verwendet habe. An Volksmusik vergangener Tage dachte ich dabei nämlich überhaupt nicht, erstrecht nicht an Neofolk oder modernere Varianten der Volksmusik. Was ich bei dem Wort Volksmusik im Kopf hatte waren diese übertrieben grinsenden Gestalten in Trachtenkleidung die irgendwas von einer heilen Welt daherdudeln. Eben das, was ich seit Kindestagen als „Volksmusik“ vorgesetzt bekam. Schlager und dergleichen. Da war ich doch glatt unbewusst ziemlich ignorant. Korrektur erfolgt! 😀

            Meine Aussage bezüglich dem ohrenzerstörenden Gräuel darf damit getrost als nichtig betrachtet werden!

          • Martin Sellner

            Danke das freut mich wirklich sehr :) Ich glaube wir verstehen uns echt!

  2. Mit Interesse habe ich den anspruchsvollen Artikel und die interessante Diskussion dazu verfolgt. Ausgedrückt wurden hier komprimiert Gedanken und Gefühle, die mir schon seit Jahren durch Kopf und Blut gehen, die ich manchmal auch ansatzweise formulieren konnte, aber selten woanders und schon gar nicht zusammengefasst gelesen habe.

    Wenn gegenwärtig der Einsatz für die Eigenart und Verschiedenheit der Menschen als rechtsradikal o.ä. diffamiert wird, muss das einen Hintergrund haben, muss eine Absicht dahinter stecken, und diese wird vereinzelt von hochrangigen Politikern schon eingeräumt. Es scheint kein Verschwörungswahn mehr hinter der Annahme zu stehen, man wolle einen „neuen Menschen“ schaffen, der, da wurzellos, wenig solidarisierungsfähig und somit bequem beherrschbar ist.

    Das muss gar nicht gewaltsam und brutal erfolgen, es geht auch mit Moden, die mehr und mehr jede eigenständige Kultur ersetzen und längst nicht mehr auf Bekleidung beschränkt sind, sondern z.B. sogar Literatur und Gartengestaltung betreffen. Der entwurzelte Mischlings-Einheitsmensch Europas könnte dann als nützlicher Konsum-Idiot existieren (womit ich dergleichen wiederum nicht Mischlingen unterstellen will, die sich z.B. in der Karibik eigene Kulturen geschaffen haben).

    Doch denke ich, es mögen wenige sein, die solche Planungen und Absichten ihr eigen nennen. Die Masse besteht aus Mitläufern, die Mitleid mit dem armen Farbigen haben, meinen, ihn in unsere Zivilisation integrieren und seiner unaufgeklärten Kultur befreien zu müssen.
    Dieser gedankliche Hintergrund hat für mich mehr „Rechtes“ als ethnopluralistische Ideen, denn er erscheint mir durchaus imperialistisch und von einem Charisma geprägt, das mich an „Herrenmenschtum“ erinnert, aber offenbar unbewusst auftritt.
    Den unbewussten Mitläufern der für den großen Umtausch Verantwortlichen ist in ihrer Xenophilie nicht gewärtig, dass sich die Relation weißer, europäischer Völker gegenüber einer 7 1/2 Milliarden großen Weltbevölkerung nicht besonders von der brasilianischer Regenwaldindianer ggü. der Bevölkerung Brasiliens unterscheidet. Sie dünken sich als Angehörige einer Mehrheitsgesellschaft und erheben dabei ihren Blick nicht über den Tellerrand ihres nahen Umfelds. Sie begreifen nicht, dass Weiße heutzutage eine Minderheit sind und Ethnographie eine dynamische Betrachtungsweise verlangt. Eine „Mehrheitsgesellschaft“, deren Durchschnittsalter 60 ist, ist es in 20 Jahren nicht mehr.

    Das Vorstellen angeblich eigener Volksmusik nach Art „Mutantenstadl“, immer unterlegt von einfachen Beat-Rhythmen bei gleichzeitigem völligen Verheimlichen der wahren, teilweise Jahrhunderte tradierten Volksmusik, wie sie von vereinzelten Singekreisen oder Verbindungen noch oder wieder gepflegt wird, einen Höhepunkt im „merry x-mas“ ggü. „Hohe Nacht der klaren Sterne“ findend, das manche Leuten schon das Weihnachtsfest augenrollend zum Halse heraushängend lässt, ist dabei nur eins der perfiden Mittel der Selbstentfremdung, die einfach nicht zufällig im zu beobachtenden Maße betrieben werden kann.

    Mit solchen Ansichten stellen mich manche auf einmal nach Rechtsaußen. Dabei war das Selbstbestimmungsrecht der Völker historisch eher Thema der Linken, während die Rechte sich etatistisch verstand, den Staat über das Volk stellte, das von Menschen Gewollte über das natürlich Gewachsene – genau, wie es heute von angeblichen Linken und den Machthabern gehandhabt wird („Du bist Deutschland“).
    Auch in allen anderen Politkbereichen, sei es nun z.B. Innen-, Verteidigungs-, Umwelt-, Familien-, Sozial- und Wirtschaftspolitik, waren mir immer eher linke, zumindest sozialdemokratische und (nicht wirtschafts-) liberale Ansichten eigen. Probleme mit dem Grundgesetz und der parlamentarischen Demokratie habe ich auch nicht.
    In manchen Diskussionen spielt das alles keine Rolle mehr. Weil ich mir wünsche, dass es auch in 200 oder 2000 Jahren noch Deutsche, Engländer, Franzosen, Russen, Basken, Japaner, Koreaner, Ägypter, Hereros, Massai usw. und nicht nur ebensolche Staatsangehörige gibt, weil ich zu meinem eigenes Volk in gesunder Eigenliebe stehe, die Voraussetzung dafür sein dürfte, auch andere Völker lieben zu können (und ja, ich liebe ihre Eigenarten oftmals und respektiere sie nicht nur), werde ich einem Prozess ausgesetzt, der mich an Max Frisch´ „Andorra“ erinnert bzw. an das Verhalten des dort als „Juden“ diffamierten Protagonisten, der sich auf einmal in der Ecke wiederfand, in die man ihn stellte.

    Oh, das ist länger geworden, als ich es beabsichtigt hatte. Dank an die Leser für die Geduld!

  3. ann.schneider@gmx.de

    „Der Fremde, bevorzugt Nichtweiße, bevorzugt Nichtmännliche, bevorzugt Nichtheterosexuelle, ist immer im Recht – egal ob er in der passiven Rolle als bedrängtes Opfer oder in der aktiven Rolle als fordernder Eroberer auftritt.“

    Habt ihr denn Beispiele für Schwarze oder POC, sich als weiblich* identifizierende Queers, die als „fordernde Eroberer*innen“ auftreten?

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