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X-mas

Weihnachten, Christfest, Fest des Friedens – wie man es auch benennen will, es jährte sich mal wieder.

Es ist das Jahr 2016 nach Christi Geburt, und es ist oberflächlich betrachtet in weiten Teilen Europas alles andere als eine christliche oder eine geweihte Zeit. Und mit dem Frieden ist es auch nicht mehr weit her. Es ist eine Zeit der Unterdrückung, der Entmündigung, der Unfreiheit.

 

Wir kennen die Episode der Menschheitsgeschichte aus dem Jahre 1914 christlicher Zeitrechnung – mitten im Krieg geschieht ein kleines Wunder: An beiden Fronten, besonders aber im Westen schweigen in so manchem Abschnitt über Weihnachten die Waffen. Es sind weder die Staatenlenker noch die Generalissimi, die es in die Wege leiten. Es ist kein ‚von oben‘ erfolgtes Nachkommen auf die Bitte Papst Benedikts XV., man möge doch wenigstens an dem Tag, „an dem die Engel sangen“, die Waffen schweigen lassen. Es sind vielmehr die Frontoffiziere und die einfachen Soldaten in den Gräben, die selbige verlassen und aufeinander zugehen.

 

Bei den einzelnen überlieferten Episoden dieses kleinen Weihnachtswunders lässt sich nicht immer zwischen Wahrheit, Verzerrung und Erfindung unterscheiden. Und das große Wunder blieb aus – der Waffenstillstand verursachte keine Kettenreaktion zugunsten eines allgemeinen Friedens. Das Wesentliche aber bleibt auch nach über 100 Jahren bestehen und lässt sich nicht leugnen: Die Söhne des alten Europas, die doch in militaristischen, chauvinistischen und demokratiefeindlichen Zeiten gelebt haben sollen, fanden ganz ohne Anweisung ihrer Häupter im Niemandsland zueinander. Männer, die als Deutsche, Briten oder als andere Nationalitäten angetreten waren, gaben sich statt Blei die Hände, tauschten Geschenke und feierten Weihnachten zusammen. Und sei es für den Einzelnen mit oder ohne religiöse Emotion geschehen, dieses Fest wurde von Katholiken, Lutheranern, Anglikanern und Reformierten – von Christen, Juden und Atheisten gleichermaßen gefeiert wie von den Vertretern der vielen gesellschaftlichen Identitäten, die man daheim pflegte: die Grenzen zwischen Nationalisten (im eigentlichen Wortsinne) wie auch Anarchisten, Sozialisten und Chauvinisten, Monarchisten und Republikanern waren spätestens jetzt aufgelöst worden. Kinder der Alten Welt feierten zusammen, sei es aus religiösen oder aus traditionellen Gründen, oder um nach Monaten des Sterbens die Stille der Gewehre und Geschütze zu ehren – sie machten aus diesem Weihnachtsfest ein Fest des Friedens.

 

Wenn man sich in Erinnerung ruft, welches Säbelrasseln, welche Kriegslüsternheit Teile des Kontinents erfasst hatte – jene Stimmung, die alle Mahnungen an die Auswüchse des ‚Modernen Krieges‘ in den Wind schlug – dann muss einen umso mehr dieses Bild der einfachen Soldaten beeindrucken, die nun aus ihrer eigenen Motivation heraus die aufgeworfenen Gräben verlassen und in einer unmenschlichen Situation die Überreste der Zivilisation offenlegen. Die die von der Obrigkeit auferlegten Regeln des gegenwärtigen Alltags abstreifen und sich der Maxime des christlichen Gedankens ergeben – und sei es nur für einen Tag.

 

Das war 1914. Versuche, die weihnachtlichen Verbrüderungen zu wiederholen, wurden im Jahr danach offenbar unterdrückt. 1916 scheint es mit größeren derartigen Szenen bereits vorbei gewesen sein.

 

Wie weit ist es denn seit 1916 mit Europa wieder gekommen, könnte man fragen. Im Westen des Kontinents ist man zwar nicht mehr damit beschäftigt, die eigenen Grenzen zulasten des Nachbarn zu vergrößern. Der  Krieg einer modernen Friedensgesellschaft sieht dafür aber so aus, dass die einen verzweifelt zu retten versuchen, was noch zu retten ist, während die anderen in einem nicht minder verzweifelten Streben nach Humanität und moralischer Erfüllung eine neues Zeitalter einzuläuten hoffen. Dieses Gewirr könnte man ewig weiterspinnen. Aber darum geht es nicht – zumindest nicht jetzt an Weihnachten.

 

Stattdessen sollte man sich fragen, was denn damals, 1914, vor Weihnachten alles hatte passieren müssen, dass Fritz, Tommy und die anderen alle Feindschaft und alle Verbitterung vergaßen – trotz oder gerade angesichts des Wissens, dass es spätestens im neuen Jahr wie zuvor weitergehen würde. Dass sie von Grabenschwein zu Grabenschwein eine größere Solidarität zelebrierten, als es eigentlich möglich schien. Es ist im Zweifelsfall eben nur ein Verweis darauf, dass in dieser düsteren Zeit, bevor die Welt durch die Ergüsse spätwestlicher Dekadenz bereichert wurde, es mit gewissen Interpretationen jener Epoche nicht so weit her ist. Vielleicht verehrte man als Franzose den Deutschen nicht und andersrum. Vielleicht fand man die Angehörigen anderer Nationalitäten gegebenenfalls albern oder man fand sein eigenes Volk in der einen oder anderen Sache überlegen. Vielleicht liebte man sich nicht immer. Aber – und dafür ist der Weihnachtsfriede 1914 nur ein sehr gutes Beispiel – am Ende des Tages ließ man den Deutschen Deutschen, den Franzosen Franzosen und den Briten Briten sein. Man konnte sich – wenn überhaupt – vielleicht geringschätzen, aber ein über den Tod hinaus gehender Hass von Mensch zu Mensch, wie er heute vergiftend durch alle Klassen unserer Gesellschaften schleicht, der scheint selbst im damaligen Schlachthaus Europa weit weg gewesen zu sein.

 

Drum mag man im Dezember 2016 fragen: Was müsste denn noch alles passieren, bevor die Menschen ihren eigenen Landsleuten wieder friedlich begegnen – obwohl sie politische Meinungen und ihr persönlicher Stolz trennen? Bis die Verachtung den eigentlich Verantwortlichen gegenüber im Volk geschlossen so groß wird, dass man die Gräben freiwillig verlässt und aufeinander zugeht. Bis sich Rechte, Linke, Konservative, Progressive, Junge, Alte, Rote, Schwarze, Gelbe, Blaue auf den Plätzen treffen und – sei es auch nur an diesem Tage – zusammen Frieden feiern.

Freilich, auch hier wird, wie 1914, das große Wunder ausbleiben. Spätestens, wenn ein Antifa-Aktivist und ein Neonazi einander Frohe Weihnachten wünschen sollen, hört der Traum wahrscheinlich auf. Was aber die Masse des Volkes angeht – was müsste für ein kleines Weihnachtswunder passieren? Was müsste geschehen, dass jene, die heutzutage in einer gespaltenen und bis aufs Blut gereizten Pseudogesellschaft leben, die einander in Demo und Gegendemo begegnen, einmal die Feindschaft vergessen, sich des besonderen Tages besinnen und zusammen „Stille Nacht, heilige Nacht“ singen?

 

„Und wag’s, und wär’s nur einen Tag, ein freies Volk zu sein“, sagte Georg Herwegh 1845 in einem seiner Gedichte. Der Text des Vormärzdichters und Revolutionärs von 1848 hat nichts mit Weihnachten zu tun. Dennoch ist man vielleicht geneigt, über diese beinah huttensche Prämisse Vergleiche anzustellen: Der Weihnachtsfriede von 1914 sollte ein Weihnachtsfriede bleiben. Das Schlachten ging weiter und wurde noch schlimmer, als es bis dahin bereits der Fall gewesen war. Aber die Episode hallt noch nach mehr als 100 Jahren in unserem Gedächtnis wider und dient zurecht als Mahnung an die Zukünftigen – jenseits von Nationalitäten und politischen Lagern. Und wenn die Waffenruhe keinen Bestand hatte, in der kleinen Welt des Niemandslandes zwischen den Gräben feierten die Männer von 1914 vielleicht etwas mehr als Weihnachten oder Frieden. In gewisser Weise feierten sie ihre Freiheit – mitten im Krieg.

 

Wenn also das große Wunder in unserer Zeit noch weiter entfernt scheint als 1914, vielleicht darf man zumindest auf ein kleines Weihnachtswunder in naher Zukunft hoffen, das die zersplitterten Teile eines Volkes zusammenführt, und wäre es doch nur für einen Tag!

Ein Wunder, das Politik, Streit und Stolz vergessen lässt und die Menschen in einer Art zusammenbringt, wie es an Weihnachten früher war, wie es sein sollte und wie es mit Gottes Hilfe vielleicht wieder sein wird. Ein kleines Weihnachtswunder, das mahnend die Folgegenerationen auf uns und unsere Zeitgenossen zurückschauen und sagen lassen wird: „Es war eine Zeit der Unterdrückung und der Entmündigung. Aber an diesem EINEN Tag – war das Volk frei!“

Über Benjamin Nemsic

2 Kommentare

  1. Vielen Dank für den schönen Artikel!
    Daß es 1914 dazu kam, war nur möglich, weil die meisten in den Gräben (mehr oder weniger) bewußt Christen waren und ihnen daher der Sinn von Weihnachten bekannt war: das Andenken an die Geburt des Erlösers und Friedensfürsten, bei der Engel den Menschen Frieden auf Erden verkündeten. Von der Antike an und durch das sonst kampfeslustige Mittelalter bis iin die Neuzeit hat man das immer gewußt. »In dieser Zeit, in der die ganze Welt unter einem einzigen Herrscher (Kaiser Augustus) lebte, war auch der tiefste Friede auf der Welt. So war es sehr angemessen, daß Christus zu jener Zeit geboren wurde, Er, der „unser Friede und der, was geteilt ist eins gemacht hat (Eph 2, 14)«, schreibt Thomas von Aquin. Dieser gemeinsame Glaube vereinte 1914 noch beide Seiten. Wenn es einmal wieder so sein soll, geht es nur auf der Basis gemeinsamer Werte, eben »mit Gottes Hilfe«, das bedeutet auch: nur wenn die Menschen in größerer Zahl diese Hilfe annehmen und sich bewußt dem Christentum zuwenden. Dann kann Weihnachten wieder in seiner Bedeutung als Fest dessen erkannt und gefeiert werden, der gekommen war, »um uns aus der Knechtschaft zur Freiheit zurückzuführen« (ders.).

  2. Pjotr Panonski

    Schöner Text! Da kann man nur zustimmen.
    Nie wieder Krieg in Europa! Keinen Quadratzentimeter Angriffsfläche! Frieden mit Russland.

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