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Umschlagsbild von Alexander Dugins neuestem Buch "Martin Heidegger: Philosophy of Another Beginning", mit freundlicher Genehmigung des Radixverlags
Umschlagsbild von Alexander Dugins neuestem Buch "Martin Heidegger: Philosophy of Another Beginning", mit freundlicher Genehmigung des Radixverlags

Martin Heidegger. Philosophie des anderen Anfangs (Buch)

In seinem mittlerweile international bekannten und rezipierten politischen Hauptwerk „Die vierte politische Theorie“ formuliert Alexander Dugin ein völlig neues und vor allem neuartiges politisches Subjekt: An Stelle des im leeren Raum stehenden Individuums des Liberalismus, der rein ökonomistischen Klasse der Kommunisten oder dem nationalsozialistisch bzw. faschistisch überhöhten Volk / Staat soll nun  eine philosophische Kategorie stehen: das Heidegger’sche Dasein.

Die Ablehnung der ersten drei klingt einleuchtend, doch mit dem letzten dürfte zunächst nur eine Minderheit etwas anzufangen gewusst haben. Heidegger war zwar recht bekannt, stand für die Meisten aber wohl eher im Hintergrund. Philosophisch waren viele mit Nietzsche ausreichend befriedigt.

„Nietzsche ist ein würdiges Ende [der westeuropäischen Philosophie].“1

Noch im Begeisterungstaumel von Dugins erhellender Schrift wird sich wohl mancher, wie auch ich, in die umliegenden Bibliotheken begeben haben; auf der Suche nach allem, was irgendwie nach dem großen Denker aus dem Schwarzwald gerochen hat. In der Folge verschlang man Sekundärliteratur über Sekundärliteratur und wagte sich auch irgendwann an das Original heran. Die Qualität dieser Sekundärliteratur schwankte zwischen ganz gut und enttäuschend. Häufig waren sie sehr biographisch angelegt, mit nur geringerem Bezug zur Philosophie. Und immer dann, wenn es philosophisch wurde, wurde es zugleich auch schnell oberflächlich oder gar verurteilend – insbesondere bei Arbeiten, die nach Veröffentlichung der „Schwarzen Hefte“ verfasst worden sind. Wenig erinnerte an die begeisterte und begeisternde Rezeption Dugins.

„Heidegger denkt in Europa, von Europa, für Europa!“2

An russischen Universitäten kursiert jedoch seit einigen Jahren schon eine umfassende Abhandlung über die Philosophie Heideggers: geschrieben von Alexander Dugin selbst. Nina Kouprianova legt nun eine englische Ausgabe im Hausverlag des US-amerikanischen Magazins „Radix Journal“ vor.

Identitäre Generation erhielt als einziges deutschsprachiges Medium exklusiv schon vorab Einblick.

Schnell zeigt sich: Dugin hält sich hier nicht mit Allgemeinplätzen und der zur Genüge bekannten Biographie Heideggers auf. Von der ersten Seite ist dieses Buch hochphilosophisch. Dugin denkt auch nicht bloß über Heidegger nach, sondern mit ihm (später, im Rahmen der 4PT sogar über ihn hinaus). Selbstredend widmet Dugin auch dem Dasein ein eigenes großes Kapitel. Er holt es aus seiner tristen Rolle als degradierte philosophische Kategorie heraus und füllt den Begriff mit Inhalt, so dass auch die Vierte politische Theorie für alle vollends erfassbar ist.

Die anfängliche Frage „Was ist Dasein?“ wird zur entscheidenden: „Wie ist Dasein?“

Auch alle anderen wichtigen heidegger’schen Begriffe von Sein und Seyn selbst, über die Seynsgeschichte und die so wichtige ontologische Differenz bis zum Geviert erhalten die würdige Erklärung. Ein umfangreiches Glossar dient am Ende als Nachschlagewerk. Auch Griechisch-Kenntnisse werden anders als in so vielen anderen Philosophie-Büchern nicht vorausgesetzt. Das macht es auch und insbesondere für Einsteiger in die Philosophie Heideggers geeignet. Unterschätzen sollte man dieses Buch deswegen nicht: Man liest es nicht nebenher in Bus und Bahn, denn es erfordert genaue Beschäftigung und höchste Aufmerksamkeit, wobei man das natürlich jedem Buch entgegenbringen sollte.

Ein sonderlich politisches Buch haben wir hier nicht vor uns, wie Greg Johnson bei Counter-Currents bemängelt. Diesen Anspruch stellt es sich jedoch als ursprünglich für russische Philosophie-Studenten geschriebenes Werk gar nicht. Und das bietet durchaus Vorteile: So stellt es auch unabhängig von Dugins politischen Vorstellungen, die sicher nicht jedem in vollem Umfang gefallen müssen, eine herausragende philosophische Ausarbeitung dar. Das macht es auch für diejenigen mit Gewinn lesbar, die Dugins Eurasismus oder die 4PT ablehnen. Denn besonders die speziell russische Sicht Dugins auf Heidegger, macht dieses Buch interessant. Es birgt dadurch das Potential, die gesamte Heidegger-Forschung auf den Kopf zu stellen.
Denn diese befindet sich wegen der „Schwarzen Hefte“ im Totalzerfall. Eine Koryphäe nach der anderen wendet sich von Heidegger ab, bemüht sich um mindestens partielle Abgrenzung oder gar bewusste Fehlinterpretation nach liberaler Dogmatik.
Dugin hat als Russe jedoch kein Problem damit, Heideggers Rolle im Nationalsozialismus neutral und wertfrei zu analysieren:

„Wir können Heidegger bis zu seiner Berufung an die Freiburger Universität und dem Eintritt in die NSDAP aus pragmatischen Gründen als Konservativen Revolutionär in der Inneren Emigration betrachten. Sein Rektorat dauerte lediglich neun Monate und schnell waren seine Ideen aggressiven Angriffen von Offiziellen des Hitlerregimes ausgesetzt. Aber trotz der Kritik vieler fundamentaler Punkte der Nazi-Ideologie in seinen Reden von 1930-1945 entlastete sich Heidegger nicht selbst von der Verantwortung, die aus seiner Entscheidung erwuchs und trug weiterhin das Parteiabzeichen. Er teilte das Schicksal seines Volkes und des politischen Regimes, welches sein Volk gewählt hatte.“3

Der russische Einschlag wird an einigen Stellen aber auch ein wenig zu groß. So versucht Dugin scheinbar zu Beginn zu belegen, dass ein russischer Heidegger keine Neologismen hätte hervorbringen müssen, da die russische Sprache noch nicht so degeneriert sei, wie die übrigen Europas.
Den anderen Anfang traut er uns Westeuropäern auch nicht länger zu:

„Aber die Sonne geht nicht im Westen auf. […] Heideggers anderer Anfang kann die Völker des Westens nicht ansprechen. Deswegen spricht er uns [Anm. die Russen] an.“4

Ohne Frage ist das eine große Aufgabe, wenn nicht die größte unserer Zeit, ob man gleich so hart mit uns ins Gericht gehen muss, wird die Zukunft zeigen. Dugin schreibt dazu:

„Der andere Anfang wird sich hervortun, wenn wir Heidegger glauben und ihm nachfolgen beim Einnehmen einer neuen Weise des Denkens und Philosophierens. Aber wenn wir das Ausmaß dieser philosophischen Handlung, die wir unternehmen wollen, sorgfältig bedenken, dann werden wir uns angesichts der fundamentalen Natur dieser Aufgabe, die wir zu lösen haben, eher unbehaglich fühlen. Den Übergang zum anderen Anfang zu vollziehen […] heißt nicht nur die Metaphysik zu stürzen, sondern auch die ursprüngliche Quelle, […] Wahrheit und άληθεια auf der tiefsten Ebene unter den Schichten der lateinischen, scholastischen und gegenwärtigen philosophischen Konzepten, die weiterhin die Grundzüge westlichen Denkens, westlicher Logik und westlichen Bewusstseins vorbestimmen. Von Kultur, Wissenschaft, Erziehung, sozialen Beziehungen, Politik und Ökonomie ganz zu schweigen.“5

Das einzige wirkliche Manko ist trotz der guten Übersetzung aber die englische Sprache, der es zuweilen schwer fällt, Heideggers Gedanken wirklich genau darzustellen. Dugin schreibt selbst, man müsse mindestens Europäer sein, um Heidegger zu verstehen.6 „Mindestens“ impliziert, dass man dafür im Idealfall sogar Deutscher sein sollte.
Heidegger, der selbst für deutsche Leser häufig einen nicht leichten Schreibstil hat, ist in die englische Sprache übertragen noch weit komplizierter zu lesen. Die Übertragung seiner Neologismen ist nur bedingt möglich, was das kleine Lexikon im Anhang unabdingbar macht.
Eine Gruppe von IG-Autoren hat sich dafür allerdings schon eine Lösung überlegt.
Man darf gespannt bleiben.

Anm. Die Zitate folgen einer provisorischen, zum Teil kursorischen Übersetzung.

 

  1. S.124 []
  2. S. 21 []
  3. S.174 []
  4. S. 390 []
  5. S. 145 []
  6. S.21 []

In seinem mittlerweile international bekannten und rezipierten politischen Hauptwerk „Die vierte politische Theorie“ formuliert Alexander Dugin ein völlig neues und vor allem neuartiges politisches Subjekt: An Stelle des im leeren Raum stehenden Individuums des Liberalismus, der rein ökonomistischen Klasse der Kommunisten oder dem nationalsozialistisch bzw. faschistisch überhöhten Volk / Staat soll nun  eine philosophische Kategorie …

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Ein Meilenstein in der identitären Heideggerforschung - 9

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Über Armin

Armin
Mitglied der IBD - Regionalgruppe Westfalen und zur Zeit im Wiener Exil.

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