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Identität: Der Begriff einer Wende

Identität geistert seit einigen Monaten als neuer Begriff durch die rechten Zusammenhänge. Die Identitäre Bewegung hat ihn gar zum zentralen Begriff ihrer Weltanschauung und Selbstbezeichnung gemacht. Das 21. Jahrhundert steht ganz im Zeichen der Globalisierung und der herrschenden Ideologie des Liberalismus. Unsere Zeit ist geprägt von der Ausbreitung der Märkte, der Auflösung der Nationalstaaten, der Vereinheitlichung und Verwestlichung der gesamten Welt (unter dem Deckmantel von „Demokratie“ und „Menschenrechten“). Diese Entwicklungen haben klarerweise neue Fragen in einer sich immer schneller verändernden Zeit aufgeworfen, die dringend einer Beantwortung bedürfen. Die fortschreitende Auflösung der Grenzen, der Traditionen, der Völker und Kulturen unter dem Banner des Liberalismus und des „Fortschritts“ führt so auch zu einer Infragestellung der eigenen Identität. Doch was genau bedeutet Identität und was macht diese aus`?

Ursprünglich stammt der Begriff „Identität“ aus dem Lateinischen „idem“ und bedeutet „derselbe“ oder „dasselbe“. Oberflächlich beschrieben bedeutet Identität im philosophischen Sinne für uns Übereinstimmung mit sich selbst. Identität ist auch das subjektive Bewusstsein von sich selbst. Sie ist verschiedenen Wandlungen und Entwicklungen unterworfen und bedarf daher auch der Identitätsfindung. In der Psychologie versteht man den Begriff „Identität“ als ein Kernproblem der menschlichen Existenz, eine andauernde Herausforderung „des Ichs, angesichts des wechselnden Schicksals, Gleichheit und Kontinuität aufrechtzuerhalten“ (Erik H. Erikson). Meine eigene Identität wird davon bestimmt, welchem Geschlecht ich angehöre, welche Sprache ich spreche, wie ich politisch denke, wie mein Wertesystem aussieht, welche Musik ich höre, wie ich mich kleide, welchen Beruf ich ausübe, welcher sozialen Schicht ich angehöre, wie und wo ich aufgewachsen bin und noch vieles mehr. Kurz gesagt: Jeder Mensch besitzt verschiedene Merkmale, Bindungen und Zugehörigkeiten, die zusammen seine Identität bilden – sprachlich, ethnisch, kulturell, politisch, sexuell, beruflich, usw. Diese Teile der eigenen Identität ergeben erst im aufeinander bezogenen Zusammenwirken ihr harmonisches Ganzes. Verschiedene Bindungen können wir als Person selbst auswählen, die sich dann erst als Teil unserer eigenen Identität voll entwickeln. Als Beispiel seien hier die berufliche Tätigkeit, die politische Gesinnung oder der Musikgeschmack genannt. Andere Bindungen wiederum sind uns als „unfreiwillige Assoziationen“ (Michael Walzer) überliefert. Dazu können zählen: die Familie, das Geschlecht, die Nation, das Volk, die Kultur, ja auch die eigenen Werte und die Religion. Identität konstruiert sich im Rahmen dieses Hintergrundes, der uns schon von Geburt an gegeben ist. Der Mensch ist zwar in der Lage, diese Assoziationen nicht zum Faktor politischer Unterscheidungen zu machen, ihnen also kaum Bedeutung zukommen zu lassen, was jedoch nichts daran ändert, dass solche Bindungen tatsächlich – und wenn nur in einer negativen Bezugnahme auf sie – vorhanden sind.

Die fortschreitende Auflösung aller organischen Bindungen zwingt den Menschen jedoch immer mehr, seine Identität „zu konstruieren“ in dem Sinne, dass er selbst entscheidet, was er anerkennt und was nicht, welchen Identitätsmerkmalen er Bedeutung beimisst und welchen nicht. Aus diesem Umstand folgert Alain de Benoist, dass „selbst eine überlieferte Zugehörigkeit ihre Rolle als Identitätsmerkmal nur insoweit vollständig erfüllen kann, wie ich sie akzeptiere oder bereit bin, sie als solche zu betrachten. Der bloße Umstand, Franzose, Italiener oder Deutscher zu sein, ist alleine noch nicht bestimmend für meine Identität. […] Die Zugehörigkeit zu einem Volk, einer Klasse, einer Ethnie etc. hat hingegen kaum Gewicht, solange sie mir nichts bedeutet. Eine solche Zugehörigkeit wird möglicherweise manche meiner Gedanken oder Verhaltensweisen bestimmen, aber sie wird dies sozusagen ohne mein Wissen tun. Sie wird mich möglicherweise in den Augen anderer identifizieren, aber ich selbst werde mich darin nicht wiedererkennen.“ [Alain de Benoist: Wir und die anderen]

Häufig wird Identität irrtümlich als eine statische Realität oder Essenz aufgefasst, die immer gleich bleibt. Vielmehr jedoch ist Identität ein dynamischer Prozess, der ständig im Wandel begriffen ist. Dieser Wandel ermöglicht es dem Menschen, sich ständig zu verändern, ohne dass er aufhört, er selbst zu sein. Versucht man die Identität eines Menschen ganz zu erfassen, muss man sich auf sein Umfeld, seine Lebenssituation, sein Dasein beziehen, in dem er mit anderen Menschen interagiert und das er mit seinen Mitmenschen teilt. Diese „Verortung“, in dem das Dasein eines Individuums und sein historischer Zusammenhang einen Anfang haben, ist der Kern der persönlichen und geschichtlichen Identität eines Menschen. Identität hat daher immer eine soziale Dimension, schließlich konstruieren sich Identitäten auch über diese.

Identität ist dialogisch, was bedeutet, dass der Andere Anteil hat an meiner eigenen Identität, weil er letztlich ihre Erfüllung ermöglicht. Es ist nämlich unmöglich ein Ich oder Wir zu definieren, ohne sich auf andere als dieses Ich oder Wir zu beziehen. Identität erfordert so auch Abgrenzung und In-Beziehung-Setzen. Man definiert sich darüber, was man ist und was man eben nicht ist, was man mit anderen teilt und was einem von anderen trennt und unterscheidet. Die Identität eines Menschen besteht also aus dem Verhältnis zur Identität der anderen. Das Bewusstsein für das Eigene erfordert auch die Anerkennung des Anderen. Identität  und Anerkennung stehen also in einem engen Zusammenhang, sie dürfen aber nicht gleichgesetzt werden. Durch die Anerkennung wird meine Identität erst vollständig. Charles Taylor definiert daher Anerkennung als die „Voraussetzung für gelungene Identität“.

Gleich dem Einzelnen haben auch Gemeinschaften (Völker) eine eigene Wesensart und (ethnokulturelle) Identität. Diese Gruppenidentität, die man als kollektives Unterbewusstsein auffassen kann, welches auch das Bewusstsein und Handeln des Einzelnen entschieden prägt, verleiht den verschiedenen Völkern auf dieser Erde ihre jeweilige Einzigartigkeit. Die Verbindung von Ethnos und Kultur bildet die Identität eines Volkes. Keiner der beiden Anteile darf überbewertet oder gar absolut gesetzt werden. Diesen Fehler begangen die großen Ideologien der Moderne. Der NS legte fast sein gesamtes Augenmerk auf das Ethnische, indem er Volk überbetont biologistisch interpretierte, in der Rasse den alleinigen Schlüssel zur Weltgeschichte zu entdecken glaubte und eine Hierarchisierung der verschiedenen Völker vornahm. Der Liberalismus und Marxismus wiederum verfielen in das Gegenteil und behaupteten die Gleichheit aller Menschen, es gäbe keine ethnischen Unterschiede, sondern nur kulturell-milieubedingte Differenzen zwischen den Völkern. Beide Positionen reduzieren die in sich differenzierte Wirklichkeit und das vielseitige Phänomen auf einen einzigen Aspekt, womit sie die Wahrnehmung verzerren. Man muss stattdessen im Geiste Armin Mohlers lernen, mit Widersprüchen und Gegensätzen, mit einer ewigen Unabgeschlossenheit der Definition und Beschreibung zu leben.

Für Identitäre existieren keine qualitativ höherwertigen oder minderwertigen Rassen und der Wert des Menschen wird nicht über die Zugehörigkeit einer Gruppe definiert. Ethnopluralistisches Denken tritt ein für das Recht auf Verschiedenheit, für eine Welt der tausend Völker und Kulturen, und es steht damit im Widerspruch zu Rassismus, überheblichem Herrenmenschentum und dumpfem Antisemitismus,aber auch zum universalistischen Egalitarismus und Relativismus. Das Recht auf Verschiedenheit bedeutet  aber nicht, die Gleichheit aller Werte zu postulieren – denn das würde heißen, dass nichts mehr einen Wert besitzt. Es bedeutet hingegen, die eigenen Normen und Ideen nicht willkürlich universalistisch auf alle anderen zu verallgemeinern. Identitäres Denken äußert sich also immer in der Anerkennung von Vielfalt und Differenz. Es legt Wert auf das Besondere, auf die verschiedenen ethnokulturellen Gemeinschaften, die einen Teil unserer Identität ausmachen.

Identität als Erzählung setzt immer auch Erinnerung voraus. Wer kein Geschichtsbewusstsein bzw. Gedächtnis besitzt, kann seine Identität, sein Wesen und sein Erbe auch nicht als beständige Fortdauer begreifen. Es fehlt dann das Bewusstsein, dass die Gegenwart eine Vergangenheit fortsetzt. Die Erinnerung an einen Ursprung, einen Mythos, einen Ausgangspunkt wurde uns genommen. Hier ist auch einer der Hauptgründe für unseren Identitätsverfall zu erblicken, schließlich gehört dieser Ursprungsbezug zu den Grundlagen aller kollektiven und individuellen Identitätsbildung. „Geschichte zu schreiben und zu lesen“, so Bernard Lamizet, „sind Wege, in die Vergangenheit zu der Identität zu finden, deren Träger man ist und auf der das gesellschaftliche Zusammenleben beruht, an dessen kulturellen wie politischen Praktiken man teilhat.  Die Geschichte bildet eine Gesamtheit von Identitätsdarstellungen in der Abfolge der Epochen und Akteure, die uns vorausgegangen sind, gleichzeitig verleiht sie unseren Identitäten einen im eigentlichen Sinne symbolischen Gehalt, indem sie dem Prozeß aus politischen Formen und gesellschaftlichen Strukturen,  denen wir zugehörig sind, einen Sinn gibt […] Dies macht die eigentlichen Sinne politischer Dimension der Geschichte aus: die Verbreitung nämlich, die sie Formen der Identität verschafft, die geeignet sind, dem gesellschaftlichen Zusammenleben einen für seine Träger erkennbaren Gehalt zu geben.“ [Bernard Lamizet: Politiques et identite]

Erinnerung kann nie allumfassend sein, sie ist stets subjektiv, wenn wir uns mit ihrer Hilfe der Geschichte nähern. Erinnerung wählt selbst aus, was behalten oder weitergegeben wird (im Gegensatz zur Geschichtswissenschaft, die objektiv sein sollte). Sie ist damit Gedenken und Vergessen zugleich. Dieselbe Subjektivität bestimmt die Suche nach den eigenen Ursprüngen, nach großen Vorfahren, Persönlichkeiten und Momenten. Ursprung und Geschichte können daher auch durchaus in einem Widerspruch zueinander geraten (im Extremgefall sogar identitätsstörend wirken). Als Beispiel sei hier Europa genannt, das sich im Laufe seiner Geschichte von einem Großteil seiner Werte weit entfernt hat – vom Holismus hin zum Individualismus der Moderne. „Nicht: Wer gehört aufgrund welcher Kriterien und Traditionen zum eigentlichen Europa, muß die Frage lauten“, schreibt Peter Sloterdijk zu den Wesensmerkmalen europäischer Identität, „sondern: Welche Szenen spielen die Europäer in ihren historisch entscheidenden Momenten?“ [Peter Sloterdijk: Falls Europa erwacht] Unsere Identität zu schützen heißt also nicht, dass es genügt, in der Vergangenheit zu schwelgen oder historisch wichtige Ereignisse aufzuzählen, sondern wir müssen endlich selbstbewusst der Gegenwart und ihren Herausforderungen begegnen, um Identität als das zu erfassen, was sich im Zusammenspiel der Differenzierungen aufrechterhält. Identität ist immer eine Bewährung. Die ethnokulturelle Identität ist eine Kette von Selbstbehauptungen, die jeweils den Herausforderungen ihrer Zeit standhielte. Aus diesem Grund gibt es in keinem Volk der Welt eine absolut statische Kultur, Religion und erst recht nicht Politik. Jede Zeit hat ihre Frage und ihre Antwort, ihre Wahrheit, die „unmittelbar ist zu Gott“, wie Ranke meint. Das heißt für uns: ihr ewig gegenwärtiges Geltungsrecht hat. Um es mit Alain de Benoist zu sagen: „Wahr ist, was sich in die Lage versetzt, zu existieren und fortzudauern. Das, was verdienen würde, zu sein, wird sein. Das, was verdiente zu sein, ist schon.“ [Alain de Benoist: Kulturrevolution von rechts]

Wir müssen die Wahrheit unserer Zeit finden, die Antwort auf den Strom der Identitätsvernichtung, der uns umbrandet. Der erste Schritt dahin ist aber genau die Frage zu erkennen, die und diese Zeit stellt. Dies führt uns direkt zum Verlust unserer Identität. Die Ursachen hierfür sind breit gefächert: Verwestlichung und Vereinheitlichung der Sitte und Bräuche, liberaler Individualismus, Zerstörung der Sprache (und Dialekte), Konsumzwang, Materialismus, fehlendes Geschichtsbewusstsein, Ethnomasochismus, etc.

Wichtige Bestandteile unserer Identität sind die Sitten und Bräuche, denn sie existieren im öffentlichen Raum, besitzen Symbolcharakter und begründen einen teil unseres gesellschaftlichen Zusammenlebens. Gerade durch die Vereinheitlichung der Sitten wird genau dieser Symbolcharakter und damit ein Teil unserer Identität zerstört. Die regionalen Besonderheiten, die den Reiz der verschiedenen Gebiete ausmachen, werden immer mehr neutralisiert. Europa ist fast vollständig „geeint“ unter dem Banner des „american way of life“ und der Logik des Kapitalismus bzw. des Marktes. Nichts ohne Preis besitzt noch einen Wert. Als Gegenleistung wird den Menschen mehr Konsum angeboten (der ihn auch ruhig stellen soll). Alles muss einen messbaren Nutzen haben oder Profit abwerfen. Daraus folgt letztlich auch, dass sich die eigene Identität immer mehr danach richtet, was jemand besitzt („Ich bin, was ich besitze.“). Genau in diesem Warenfetischismus ist nach Alain de Benoist die Hauptursache für die Entfremdung der Identitäten zu suchen.

Die allgemeine Identitätsverlust von heute ist kein Zufall. Er ist auch nicht bloß eine Laune der Geschichte, die auch anders denkbar wäre. Er ist eine eiserne Konsequenz der herrschenden, geschichtsmächtigen Ideen, welche über die Metapolitik unser Denken und Fühlen, und über die Politik unsere Gegenwart und Zukunft bestimmen. Es ist ein neues Menschenbild, das sich ins Bewusstsein geschlichen hat und die Befallenen von innen her aushöhlt, indem es alle anderen Identitätsbezüge  auffrisst. Dieses Menschenbild stellt die Unterwerfung des Menschen unter eine herrschende Norm dar. Diese ist die Setzung der herrschenden Ideologie, um welche die Kaskaden an Parteien, Ideen, Strömungen, Religionen und Bewegungen, wie um einen Zentralstern kreisen. Diese Ideologie und ihre normativen Ausflüsse sind es, die als Frage und Herausforderung unsere ethnokulturelle Identität attackieren. Sie hinterfragen sie, sie untergraben sie und schaffen, im Stile einer selbsterfüllenden Prophezeiung, aus der realen Welt der Vielfalt die kommende Welt der Einheit, die ihre kontraktualistischen Entstehungsmythen postulieren. In der herrschenden Ideologie und ihren Handlangern müssen wir Identitäre den Hauptfeind erkennen. Entlang ihrer Randgebiete wird die große Front und Konfliktlinie des Jahrhunderts verlaufen. Unser Kampf gegen den Identitätsverlust geht also notwendig ums Ganze. Dieser ist nämlich eben nicht die verhandelbare Nebenerscheinung eines an sich guten „Fortschrittes“ und einer „guten Idee“. Wir befinden uns auf einem „Fortschritt ins Grauen“ (Benoist), der uns dorthin führt, weil das Ziel und damit die Richtung falsch sind.

Wir Identitäre jedoch beharren eisern auf dem Erhalt unseres Daseins, unserer Traditionslinie und Identität, die eben ethnisch und kulturell vermittelt sind. Wir lassen uns nicht auf sie reduzieren, auf sie determinieren, wir wünschen uns auch nicht zurück in ein rousseausches Idyll, wir überlassen die große Politik und die großen Fragen nicht der herrschenden universalistischen Ideologie. unser Kampf um unsere ethnokulturelle Identität ist vor allem eine längst überfällige Antwort auf ihre brutale Abschaffung und Ausmerzung, die einhellig von allen Kirchen, Parteien, Gewerkschaften, NGOs und Konzernen vorangetrieben wird. Nicht wir sind so fixiert auf die ethnokulturellen Aspekte unserer Identität und unseres Daseins. Unsere Gegner sind es. Nicht wir sind so identitär. Die heutige vom Liberalismus geschaffene westliche Welt ist so anti-identitär. Sie stellt uns Patrioten, Konservativen und Traditionalisten damit eine bohrende Frage, indem sie uns ins Frage stellt. Unsere Antwort, unsere Wahrheit, die uns in die Lage versetzen wird, als wir selbst in Europa fortzudauern, wird aufs Ganze gehen müssen und auch das Ganze umfassen. Die Identitäre Bewegung muss sich – in einer ganzheitlichen Weltsicht – das Ethnisch-Kulturelle und das Universal-Transzendente (nicht das Universalistische!) zurückerobern und es den Klauen der Moderne entreißen.

Über Michael

Michael
Geboren 1990, berufsbegleitendes Studium, Mitglied der IBÖ

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